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Zahlenspiele

Wer vor 100 Jahren in Mecklenburg geboren wurde, wurde mit größter Wahrscheinlich in der evangelischen Kirche getauft, konfirmiert und wird auch erwartet haben, christlich bestattet zu werden. Die Zugehörigkeit war Tradition und die Entscheidung, zur Kirche zu gehören, eigentlich keine freie, selbstgetroffene. Heute sind nur 17% der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern Mitglieder der evangelischen Kirche. Ausschlaggebend war der politische und gesellschaftliche Druck in der DDR. Menschen waren gezwungen, eine Kirchenzugehörigkeit gegen schulische, berufliche und persönliche Vor- und Nachteile abzuwägen. War der kirchenlose Weg erst mal eingeschlagen, entwickelte sich eine neue Tradition ohne Taufe und Konfirmation, so dass eine ganze Generation kirchenfern aufwuchs. Auch hier kann keine Rede von freiheitlichen selbstbestimmten Entscheidungen sein. Dennoch zeigen die Statistiken etwas sehr Überraschendes. 1990 hat die Mecklenburgische Landeskirche 496 000 Mitglieder, 2010 waren es 192 918. Die vier ausschlaggebenden Faktoren dabei sind Taufen, Konfirmationen, Bestattungen und Kirchenaustritte. Einzeln betrachtet, zeigten sich seit 1990 eine Halbierung der Taufen bezogen auf die absoluten Zahlen, aber ein leichter Aufwärtstrend relativ zu den jährlichen Gesamtzahlen. Bei den Konfirmationen gehen beide Zahlen nach unten. Die Bestattungen zeigen die höchsten Zahlen, wobei die Anzahl der Bestattungen demographisch bedingt über die Jahre abnimmt. Austritte überwiegen Eintritte, aber das Minusergebnis wird allgemein kleiner. Neue Mitglieder durch Taufen und Eintritte können die Verluste durch Bestattungen und Austritte nicht wettmachen, aber der Abwärtstrend verflacht sich. Konstant niedrig blieb und bleibt die Zahl der Gottesdienstbesucher (ca. 4%). Allerdings erfassen die Zahlen die nicht kirchlich gebundenen Menschen nicht, die trotzdem Angebote der Kirchgemeinden wie Familiengottesdienste, Kinderfreizeiten, Seniorennachmittage wahrnehmen oder als Gäste an Taufen, Hochzeiten oder Trauerfeiern teilnehmen.

Gründe für die Zahlenbewegungen sind vielfältig (demographischer Wandel in Mecklenburg, wirtschaftliche Erwägungen und Kirchensteuern, Skandale in der Kirche, gesamtgesellschaftliche Bedeutung des Glaubens). Im Gegensatz zum 20. Jahrhundert können sich die Menschen heute über mehr Freiheit freuen, haben aber immer weniger Traditionen zum Festhalten. Wenn eine Entscheidung pro oder contra Kirche überhaupt ansteht, muss sie häufig ohne richtige Kenntnisse des christlichen und kirchlichen Lebens getroffen werden. Wir sollen uns freuen, dass Menschen die Entscheidungsfreiheit haben, die positiven Impulse aus den Zahlen aufgreifen und eine wichtige Aufgabe einer modernen Kirchgemeinde darin sehen, Menschen für die Entscheidungsmöglichkeiten zu interessieren und zu informieren. Die Kirchgemeinden sollten auch über die Bedeutung der traditionellen Begegnungsformen nachdenken und neue entwickeln.

Quellen:
http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Kirchliches_Leben/LK_Mecklenburg_1990_2009.pdf,
http://www.ekd.de/download/Statistik_kurz_und_buendig_2012.pdf